Von John Ortberg (USA): gekürzter Artikel

Es gibt ein grundliegendes Paradox in unserem Leben: Wir wollen die Wahrheit über uns wissen - und wir wollen sie lieber doch nicht wissen. Das fängt schon mit der Wahrheit über unseren Körper an. Das Problem mit einem Spiegel oder einer Waage zum Beispiel ist, dass man sie nur schwer austricksen kann. Wir versuchen es. Viele Menschen nähern sich einer Waage mit äusserster Vorsicht. Sie ziehen ihre Schuhe aus, bevor sie darauf steigen. In vielen Fällen wollen sie dabei so viel Privatsphäre haben wie im Beichtstuhl.
Gemeinschaft ist ein Ort, an dem wir "auf die Waage" steigen. Jeder von uns braucht ein paar Menschen, die uns die Wahrheit über unser Herz und unsere Seele sagen. Wir alle haben Schwachstellen und eine gewisse Blindheit, bei denen andere uns helfen müssen. Wir besitzen eine nahezu grenzenlose Begabung, uns selbst zu betrügen und zu rechtfertigen, was wir sagen oder tun.


Der Zugang von Jesus zu diesem Thema war: "Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen" (Joh. 8,32). Darum brauchen wir jemanden, der uns fragt: "Wie läuft es? Musst du an deinem Lebensstil etwas verändern? Womit hast du im Bereich von Sünde oder Versuchung gerade Probleme? Wie steht es mit Betrug, Bitterkeit, Pornographie, Habgier, Schulden, Arbeitssucht?"
Immer, wenn wir versuchen, alleine mit unserer Versuchung fertig zu werden, sind wir extrem anfällig für Täuschung. Menschen neigen in der Regel fatalerweise dazu, anzunehmen, dass sie die Sünde alleine bändigen können. Eines der ersten Anzeichen dafür, dass wir Probleme mit einer Versuchung haben, ist, dass wir mit keinem anderen Menschen darüber sprechen.
Auch König David brauchte jemandem, der ihm ins Leben redete: Nathan (2. Sam. 12). Es gibt alle möglichen Gründe, aus denen Nathan dieses Gespräch mit David hätte vermeiden mögen: "Wer bin ich denn, dass ich David zur Rechenschaft ziehen kann? Auch ich habe in meinem Herzen Lust verspürt; ich bin nicht besser als er. Vielleicht hat er Gott schon alles bekannt..." Da Nathan wusste, was passieren konnte, wenn David nicht positiv reagierte, hatte er sicher viele Gedanken und Gebete darin investiert, wie er sich dem König nähern sollte. Er musste eine Möglichkeit finden, Davids Verteidigungsmauern und sein hart gewordenes Herz zu überwinden. Er wollte Davids Herz erobern, es für die Wahrheit öffnen. Zwar gibt es Menschen, die "Wahrheit" zur persönlichen Entspannung aussprechen, dies aber ohne Liebe tun. Was jedoch tief im Herzen eines Propheten brennt, ist nicht Zorn, sondern Liebe.
Es kostet enorm viel Mut, einem anderen Menschen die Wahrheit zu sagen. Wir könnten auf Ablehnung stossen oder hören, dass wir uns nicht in Dinge einmischen sollen, die uns nichts angehen. Daher tauschen wir Wahrheit lieber gegen Frieden ein. Doch den Menschen das zu sagen, was sie hören wollen, ist nicht Liebe. Wenn Menschen sich destruktiv verhalten und so ihre Seele zerstören, brauchen sie einen Spiegel.
Ohne einen Nathan in unserem Leben neigen auch wir dazu abzudriften. David - "ein Mann nach dem Herzen Gottes" - legte es nicht darauf an, zum Mörder und Ehebrecher zu werden. Auch wir legen es normalerweise nicht darauf an, unser Lebens ins Chaos zu steuern.
• Wer ist der Nathan deines Lebens?
• Gibt es jemanden, den du gebeten hast, dir die Wahrheit über dich selbst zu sagen?
Wenn nicht, rate ich dir dringend, dir solche Menschen zu suchen und dafür zu beten.

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