Vor genau 30 Jahren war ich* als sensibler 17 Jähriger auf einem Bauernhof und absolvierte dort mein zweites bäuerliches Lehrjahr. Ich habe mich eingesetzt, um meine Arbeit korrekt und pflichtbewusst zu erledigen. Doch meinem Chef konnte ich eigentlich fast nichts gut genug machen. Mein Patron war sehr jähzornig, hatte oft Wutausbrüche, er fluchte fürchterlich und brüllte laut schreiend herum. Und ungezählte Schläge mit Worten, mit Schimpfworten, die ich hier nicht erwähnen möch­te, trafen immer mich. Für alles trug ich die Schuld, selbst wenn ich gar nicht anwesend war an dem Ort, wo etwas schief gelaufen war.
Ungezählte male hörte ich: du kannst nichts, du weißt nichts, aus dir wird niemals etwas. Und dann folgte immer diese schreckliche Aufzählung von Schimpfworten.

Der Mittwochabend war jeweils „mein Abend“. Da ging ich in die JK (Junge Kirche) um aufzutanken. Aber da musste ich jeweils nach dem Abendessen Worte des Hohns und des Spottes anhören. So, gehst du wieder beten … ? Dann bete für mich auch noch ein wenig …

Nach einem halben Jahr wollten mich meine Eltern nach Hause holen, denn es ging mit mir psychisch und seelisch bergab. Aber ich konnte nicht weg. Da wäre ich ja noch mehr ein Versager … Nach und nach hatte ich schon begonnen zu glauben, dass ich nichts könne, nichts wisse und nichts werden würde usw.

Nach diesem Jahr war ich in meiner Seele, in meinem Innersten so unglaublich stark verletzt und verunsichert, mein Selbstwertgefühl war zerstört. Ich trug diesen tiefen Schmerz in meinem Innersten umher. Ich hatte meinen Frohmut und meine Fröhlichkeit verloren.

Einige Zeit später habe ich in der Seelsorge diesem Manne Vergebung zugesprochen für alles, was er mir zugefügt hatte, diesen Schmerz, diese Schläge, diese Verleumdungen diese ungerechten Vorwürfe, dieses Ausspotten und Verhöhnen.

Ich war froh für diesen Schritt und dankbar für die Hilfe meines Seelsorgers.

Bis zum Männertag 2008 habe ich meine inneren Verletzungen nicht ganz verloren. Und vor allem kam mir hie und da wieder alles hoch, Episoden von damals standen vor meinen inneren Augen und ich hörte das Schreien und diese Schimpfworte kamen mir immer wieder in den Sinn. Noch immer trug ich von diesem für mich grenzenlosen Schmerz in mir herum, wie einen Klumpen in meinem Innersten.

Und an diesem Männertag durfte ich eine göttliche Umarmung erleben. Noch einmal sprach ich dem Mann Vergebung zu und bat Gott auch um Vergebung für all meine lieblosen, schlechten Gedanken über meinen „alten“ Chef.

Und dieser Klumpen begann zu schmelzen. Tränen standen mir in den Augen. Und zu Hause habe ich in den letzten Tagen noch einige male einfach nur geweint, all dieser tiefe Schmerz kommt raus – geht weg, vielleicht dauert das noch eine ganze Weile -nach diesen dreissig Jahren !

Aber das Grösste kommt erst jetzt. Ich bin mit diesem Mann jetzt versöhnt. Ich habe mit ihm telefoniert. Wir haben lange miteinander gesprochen, an diesem ersten Gespräch nach dreissig Jahren hat er mir von einem grossen Leid erzählt, das seine Familie erleben musste. Wir haben uns gegenseitig eingeladen.

Ich gebe meinem Gott allein die Ehre.

* Der Autor ist der Redaktion bekannt.